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Gestern Morgen
"Den Faden aufnehmen, den roten, den schmutzigen verfärbten, ihn entknoten und aufrollen, zurückverfolgen, in diesem vielfach verschlungenen Labyrinth, bis zu dem Punkt, an dem der Weg sich scheidet, deutlich und erstmals, in richtig und falsch, in Ausgang und Sackgasse; dort, wo der Fehler begraben liegt, die Irrfahrt beginnt; den Weg zurückverfolgen bis zu dem Punkt, an dem sich hätte verhindern lassen können, dass es jemals soweit, dass die Geschichte soweit und das heißt genau: hierhin, zu uns kommt." (S. 104 f)
Nach ihrem ersten Buch "Kommunismus - Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird" und seiner kinderleichten Lesart trotz tiefer theoretischer Grundlage, liefert Bini Adamczak mit ihrem zweiten Buch "Gestern Morgen - über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft" eine tiefergehende, komplexere Sichtweise im Blick zurück auf die Geschichte der Oktober-Revolution, von ihrem Ende bis zu ihrem Anfang.
Sie nimmt den besagten Faden auf im Jahr 1939 und verfolgt ihn zurück ins Jahr 1917 und entwirrt ihn auf diesem Weg.
Verworren wirkt dieses Bild, diese Metapher, zunächst, so verworren wie auf den Leser die beschriebenen Tatsachen zu Beginn eines Kapitels wirken bis Bini Adamczak beginnt fein säuberlich zu sezieren und zu trennen, um zu zeigen welche Entwicklungen den Lauf der Dinge beeinflussten.
Sie beginnt dafür am Ende der Geschichte, deren weiteren Verlauf wir bis heute kennen, im Jahr 1939. Die Deportation tausender KommunistInnen, JüdInnen und AntifaschistInnen aus russischen Lagern und Gefängnissen in die Arme der Deutschen.
So nimmt die Erzählung rückwärtsgehen ihren Lauf: Zunächst über den Verrat von KommunistInnen durch KommunistInnen durch und im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes, und die unsichere Zeit davor. Es folgt eine Analyse der sie umgebenden Strukturen - Partei und Klasse - und eine Prüfung des Versprechens der Russischen Revolution, gegeben durch ihre Führer und durch diese in der Praxis pervertiert.
Bini Adamczak zeichnet ein Bild für die Gegenwart im Rekurs auf die Vergangenheit, "[…] deren unerfüllte Zukunft, eine mögliche Gegenwart, die nie gegenwärtig werden konnte […]" (S. 115), und dringt schlußendlich vor bis zum Knackpunkt der Geschichte und meint damit, "[…] nicht nur das Ende der Geschichte, sondern vor allem das Ende der Revolution. Nicht nur 1989, sondern auch, mehr noch, 1939, 1938 und folgende bis 1924, bis 1917." (S. 121)
Im vorletzten Kapitel diskutiert sie abschließend die Fragen der Revolution: Was muss sie leisten, wie kann sie erfolgreich sein und wie kann sie scheitern?
Bini Adamczak schreibt in ihrem Buch von "Trauer, Traum und Trauma" (S. 121), doch gibt auch Hoffnung und Mut, in der Vergangenheit nach dem Faden in die Zukunft zu schauen und die falschen Wege zu erkennen, damit diese Zukunft, die heute schon Gegenwart sein könnte, wieder eine Zukunft birgt.
"Die Sache hätte klappen können. Mit Terror zu enden allen Terror. Mit Ausbeutung zu beenden die Ausbeutung. Mit einem Imperium zu besiegen den Imperialismus. Schlaft schneller Genossen! Nicht stehen bleiben! Nicht stehen bleiben! Nicht stehen bleiben, jetzt! Herausgespühlt aus der kurzen, hellen Heiligkeit, liegt an der Kremlmauer unbehelligt Genosse Stalin, der große Patriot. Verehrt von den großen Patrioten dieser Tage." (Die Goldenen Zitronen - Lenin; auf "Lenin")
"Gestern Morgen - Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft" von Bini Adamczak ist erschienen im Unrast Verlag, Münster im Jahr 2007. 159 Seiten, 8 Kapitel. 12 EUR
Ebenfalls von Bini Adamczak im Unrast Verlag erschienen und Vorgeschichte zu "Gestern Morgen": "Kommunismus - Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird"





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